Mir hat geträumt, ich sei ein Schmetterling, und mein Flügelschlag, mit dem ich von Blüte zu Blüte schwebte, wurde zum Wind, der die Blätter des Kirschbaums schaukeln machte und die Kastanien fallen. Er blies durch alle Lüfte und er blies von Ost nach West oder von Süd nach Nord. Aus dem Wind wurde Sturm und ein Hurrican über Hawaii, der die Hütten abdeckte und Menschen obdachlos machte. Oder er fuhr als trockener Wüstenwind hinab in die Sände der Sahara, tobte sich aus zwischen den Dünen, kroch schließlich unter ein Sandkorn und schlief ein. All das bewirkte mein Flügelschlag, oder gar nichts, so träumte mir.
Ich habe gedacht und gedacht, ich habe mich in meine Hängematte gelegt und nachgedacht, wie es geschehen kann, dass mein Flügelschlag Hurrican oder Wüstenwind oder gar nichts bewirkt. Ich habe in den blauen Himmel geblickt und die Sonne gefragt, ich habe zu den Sternen geschaut und die Mondin gefragt. Ich habe wissen wollen, warum ein Flügelschlag den Hurrican und ein anderer den Wüstenwind oder gar nichts entfacht und welcher. Keine hat es mir sagen können.
Da habe ich mich aufgemacht zu den Sphinxen und zur Gorgonenschwester Medusa, Skylla und Karybdis habe ich umschifft, die sieben Musen und die drei Grazien habe ich aufgesucht. "Bedenke, was du wünscht!", haben sie gesagt. Da habe ich die Hexen und weisen Frauen befragt, die Handleserinnen, Astrologinnen und Graphologinnen, die Kristallkugelschauerinnen und die Tischchenrückerinnen, die Kaffeesatzleserinnen und die Kartenschlagerinnen, die Pendlerinnen und die Rutengängerinnen habe ich gefragt. "Viele Muster sehen wir", haben sie geantwortet, "viele Wellen, viele Zukünfte."
Da bin ich in die Städte gegangen, in die Betonburgen, in die Elfenbeintürme und habe sie alle gefragt: die Philosophinnen und die Psychologinnen habe ich gefragt, die Soziologinnen und die Anthropologinnen, die Linguistinnen und Kommunikationswissenschaftlerinnen, die Biologinnen, Chemikerinnen und Physikerinnen, die Mathematikerinnen, Informatikerinnen und die Meteorologinnen. Alle habe ich sie gefragt. Sie alle haben mich überaus ernst angesehen. Sie haben in ihren dicken Büchern nachgeschlagen, und viele weiße Papierbogen beschriftet, sie haben ihre Computer angeworfen und lange Listen mit vielen Zahlen und Kurven ausgedruckt. Dann haben sie eine Konferenz einberufen und lange über wichtige Dinge referiert. Schließlich ist die älteste und weiseste aufgestanden und hat zu mir gesprochen: „Es ist das Apfelmännchen, es sind die Fraktale", hat sie gesagt und mir empfohlen über einem Mantra zu meditieren oder über einem Blumenkohl. „Oder noch besser," hat sie gesagt, „back einen Marmorkuchen und gib viel Milch in den Tee. Rauch eine Zigarette!"
Selbstverständlich bin ich ihrem Rat gefolgt: Ich habe einen Marmorkuchen gebacken und gesehen, wie sich der helle und der dunkle Teig vermischen. Ich habe Tee mit viel Milch getrunken und beobachtet, wie die Milch Spiralen bildet und kreiselt und pilzförmig sich aufbäumt. Ich habe eine Zigarette angezündet und der Rauch hat mich mitgezogen auf seiner taumelnden, schwankenden und doch so sicheren Bahn. So sehr kräuselte er sich, so sehr wirbelte er mich kopfüber-kopfunter, dass mir ganz schwindelig wurde und ich verlor mich im Karussell der Lüfte. Bis er mich schließlich absetzte an einem tosenden, wogenden, schäumenden Meer.
Ich befand mich an einem Strand mit haushohen und winzigkleinen weißen Kieseln. Heiß lagen sie in der blendenden Sonne oder wurden, wenn sie nah am Wasser lagen, von jeder Welle mitgezogen, hinein ins kochende Brodeln und zurückgespült, sich überschlagend, schließlich Stillstand findend, untereinander und übereinander geworfen, bis eine weitere Welle neue Turbulenzen, neue Muster und neue Ordnung brachte.
Ich setzte mich auf einen der größeren Steine nahe am Wasser. Gerade so, dass das wirbelnde Kommen und Gehen der Kiesel nicht meine Füße zerschlagen konnte, und blickte aufs Meer hinaus. Gerade so, wie schon so viele gesessen sind, auf deren Fragen keine die Antwort wusste oder deren Antworten eine einzige Frage waren. Die Sonne brannte mir heiß auf Kopf und Schultern und die Gischt bedeckte mein Gesicht mit Salz. Lange saß ich so. Sehr sehr lange.
Bis ich bemerkte, dass mein Blick sich nicht mehr verlor in der beständig wirbelnden Erneuerung der steinernen Ewigkeit, im weiß-schäumenden Anstürmen vom Draußen, im Stille-verheißenden Grün der Tiefen und nicht in der goldbesprühten flimmernden Weite. Ich tauchte auf aus der Raum- und Zeitlosigkeit meiner einsamen dichten Leere und sah - einen Punkt.
Der Punkt am Horizont unterschied sich deutlich von allem anderen und wurde rasch größer, bis schließlich ein prächtiges Schiff in voller Takelage auf meine Bucht zustürmte und einige Meilen draußen vor Anker ging. Ich konnte beobachten, wie ein Boot herabgelassen wurde und, von kräftigen Ruderschlägen geführt, direkt auf mich zukam. In der Mitte stand aufrecht und ohne auch nur einmal zu schwanken eine Piratin. Dass es sich um eine solche handelte, erkannte ich auf den ersten Blick. Sie hatte einen schwarzen Hut auf und einen großen Ring im Ohr, ein diamantbesetzter Gürtel hielt ihre helle Leinenhose und raffte gleichzeitig das weite Hemd, das sie trug. Sie war barfuß. Kurz vor dem Ufer sprang die Piratin heraus und watete zu mir herüber, während die zwei wild aussehenden Ruderinnen das Boot an Land zogen und am Strand entlanggehend hinter zwei großen Steinen verschwanden.
"Hallo", sagte die Piratin und setzte sich neben mich, wobei ich kurz in ihre bernsteinfarbenen Augen sehen konnte. "Ich soll dich von Madame X grüßen. Sie konnte nicht selbst kommen, weil sie gerade mit den chinesischen Seidenspinnerinnen paktiert. Sie lässt fragen, ob du auf ihr Schiff kommen möchtest."
"Ich kann nicht", antwortete ich, verwundert, dass ich nach all der Zeit nicht das Sprechen verlernt hatte. "Ich habe einen Marmorkuchen gebacken und Tee mit viel Milch getrunken, ich habe geraucht und habe bedacht, was ich wünsche. Aber ich habe keine Antwort auf meine Frage."
Die Piratin blickte mich lange an, dann zog sie eine Pfeife aus der Hosentasche, stopfte sie aus einem ledernen Beutel und entzündete den Tabak. "Schau", sagte sie schließlich, "als Piratin brauchst du keine Antworten! Du stehst auf deinem Schiff und ein Wellenberg sieht aus wie der andere, kein Wellental unterscheidet sich vom anderen. Manchmal zweifelst du, ob es überhaupt Veränderung gibt, ob es Vorwärtskommen gibt, ob deine Erinnerung an Festland, an Weizenfelder und Flusstäler, an Wälder und Gebirge, an Menschen und Tiere nicht Traum ist, nicht Erinnerung an ferne Leben. Doch irgendwann tragen dich all die Wellenberge und Wellentäler an ein Ufer und dann weißt du, dass es nicht die immer gleichen sein konnten. Oft und oft drehen sich die selben Sternbilder über dir, aber immer wieder einmal erstrahlt eine Nova, immer wieder einmal verlöscht einer der glänzenden Punkte. Du gehst in irgendeinem Hafen an Land und stehst an der Theke irgendeiner Hafenspelunke. Du trinkst Gin, du schaust einer Bardame tief ins Auge, und reckst ein wenig stolz den Hals. Du kannst Polka tanzen und dich beim Tango aus der Kneipe schleichen. Du kannst auch bleiben und dich einige Zeit amüsieren. Du kannst auch noch länger bleiben und der Bardame von deinem Leben und deinen Abenteuern erzählen. Du kannst dich in den grünen Haaren einer Nixe verfangen und ihren Gesängen verfallen. Du kannst Sklavinnen befreien und du kannst Meerungeheuer töten. All das kannst du tun, und draußen liegt dein Schiff und bringt dich weiter zu einem anderen Hafen, zu anderen Bardamen, Nixen, Ungeheuern, zu neuen Abenteuern, wenn du willst. Piratinnen brauchen keine Antworten, Piratinnen brauchen Abenteuer." Die Piratin hatte zu Ende gesprochen, klopfte ihre Pfeife aus und sah mich erwartungsvoll an.
"Hm", murmelte ich verlegen, weil ihre Bernstein-Augen schon so viele Bardamen, Nixen und Meeresungeheuer gesehen hatten und weil ich durch das Rauschen der Wellen plötzlich ein Akkordeon mit einem Tango zu hören glaubte und die Seefrauen sangen dazu von einer Buttel voll Rum. "Hm", murmelte ich noch einmal.
"Schau", setzte die Piratin wieder an zu sprechen. "Schau. Nimm einen Stein und wirf ihn in die Wellen, schau gut hin, welche Muster und Kreise sich bilden an der Stelle, wo der Stein in Wasser eingetaucht ist. Nun nimm noch einen Stein und wirf ihn wieder und schau, wie anders sind die Muster, die nun entstehen. Kein Stein ist gleich dem vorherigen Stein und keine Welle ist gleich der vorhergehenden Welle. Kein Muster gleicht dem anderen. So sehr du dich auch bemühen magst, du kannst den Stein nicht aus der gleichen Entfernung, mit dem gleichen Schwung, mit der gleichen Kraft werfen. Deine Frage ist keine Frage und hat deshalb keine Antwort. Deine Frage ist die Antwort. Nur ein Gott ist ewig gleich und die Götter sind tot."
Die Piratin schwieg einen Augenblick, erhob sich dann mit einem ziemlich schroffen "Ahoi, genug geredet" und pfiff durch die Finger nach den Ruderinnen. Auch ich stand langsam auf von meinem Stein in meiner Bucht, streckte mich in alle vier Himmelsrichtungen und machte mich auf den erlebnisreichen und gefahrvollen Weg zu Madame X, die gerade mit den chinesischen Seidenspinnerinnen paktierte. Aber das ist ein anderer Traum und wird ein andermal geträumt.