IM NETZ

Gelassen sank der Sonnenball hinter das Haus gegenüber. Sie hatte diesen Vorgang in der letzten Zeit jeden Abend beobachtet. Ihre eigene Gelassenheit schwand dabei allerdings von Abend zu Abend, denn mit der selben Zielstrebigkeit und Gewissheit, mit der die Sonne sich Millimeter für Millimeter hinter das Hausdach schob, mit der gleichen Unausweichlichkeit würde schließlich sie selbst als letzte ihrer Art untergehen.

Täglich nach dem Sonnenuntergang - im Raum war es dämmrig geworden - geschah das Schreckliche, das Unfassbare. Die Tür schwang auf. Gegen das Flurlicht war lediglich eine dunkle Gestalt erkennbar. Hilflos geblendet in der dann plötzlich aufflammenden Raumbeleuchtung drängte sie sich schutzsuchend, ihrerseits aber illoyal hinter ihre Schwestern. Sie spürte, wie auch diese angstvoll erzitterten und wollte bis zum Schluss nicht wissen, was eigentlich geschah, wandte sich ab, wenn jene Gestalt Abend für Abend offenbar wahllos eine von ihnen herausgriff.

Erst gestern hatte sie sich ihrem Schicksal gestellt und hatte das grausame Ritual genau beobachtet, trotz der heftigen Übelkeit, die sie dabei ergriff, hatte verfolgt, wie es ihrer Schwester erging und wie es auch ihr als letzter ergehen würde - heute abend.

Das letzte Stück Sonne war nun hinter das Hausdach gesunken, es war beim besten Willen nur noch ihr Schein zu sehen und auch der schwand von Minute zu Minute, zusammen mit dieser abwegigen Hoffnung, dass etwas geschehen müsse, was den unweigerlichen Lauf der Dinge abwendete. Nicht ihr konnte das passieren, allen anderen, aber doch nicht ihr.

Beinahe war der Himmel nun schwarz, der Raum war fast dunkel, als die Tür aufging. Das Licht wurde angeknipst und blendete schrill. Der Mann nahm ein Gefäß aus dem Schrank und ein Brett. "Das darf ich nicht vergessen, morgen im Supermarkt...", dachte er, als er die letzte Zitrone aus dem Netz nahm.





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