REISE

Da war sie nun also endlich oben. Brav war ihr das Tier gefolgt, auch wenn nie klar war, wohin es am Ende gehen würde, auch wenn immer nur der Weg vor ihnen lag und ihnen bedeutete, dass es zwar Halt gab, aber kein Ziel. Der Pfad war nicht immer so schlecht gewesen, so undeutlich wie in den letzten Tagen. Häufig schon auf ihrer Reise hatte sie zwar absteigen müssen, hatte das Tier führen müssen und hatte oft gezweifelt, ob sie die Richtung nicht längst verloren hatte, ob die Andeutung eines Weges nicht lediglich Spiegelung ihrer Wünsche, eine Täuschung war. Doch immer wieder hatte sich der Weg dann als gangbar erwiesen, hatte sich nach Wildnis und überwucherten Strecken verbreitert und hatte sie in Städte und Dörfer geführt oder in ein Gehöft, wo sie aufgenommen wurde für eine Nacht oder länger, manchmal für Wochen. Offenherzig und gerngesehen oder auch widerwillig und misstrauisch, manchmal. Und ebenso wie die Gastgeberinnen hatte auch sie manchmal Zweifel gehegt: an der Vertrauenswürdigkeit ihrer Unterkunft, an den Menschen, die da lebten und manch anderes Mal war es ihr gewesen, als käme sie heim, als seien ihr die Leute vertraut seit Geburt.

Vieles hatte sie gesehen in all der Zeit, in vieles sich auch selbst verstrickt und immer wieder fast vergessen, dass das Tier im Stall stand und geduldig darauf wartete, dass die Reise weiterging.

Da war diese Stadt gewesen mit ihrem prächtigen Schloss, mit all dem Reichtum und dem Überfluss der Mächtigen. Großherzig herrschte das Königspaar über sein Volk, wohlhabend waren Bürgerinnen und Bürger, verfeinert war die Kultur: Malerinnen und Schriftstellerinnen waren am Werk, besonders Musik und Tanz wurde gepflegt und gefördert vom Herrscherpaar. Und alle Künste erzählten von der Schönheit der Welt, von der Erhabenheit der Schöpfung, vom Recht und von der Wahrheit. Sie hatte lange dort gelebt, hatte die Bilder in den Museen betrachtet, den Gesängen der Spielfrauen gelauscht, die Bücher in den großen Bibliotheken gelesen, und hatte sie schön gefunden. Sie hatte so leben wollen, wie es die alten und neuen Lieder besangen, wie es die Bilder so herrlich beschrieben, wie es die Geschichten erzählten.

Bis sie eines Tages erkannte, dass ein böser Zauber über jener prächtigen Stadt lag, ein Zahlenzauber, der seit langem wirkliches Leben unmöglich machte. Der Zauber bewirkte, dass es nur 1 Wahrheit geben durfte in jener Stadt, die lautete, dass nur 2 Herzen in Liebe verbunden sein dürfen, aneinandergefesselt durch 3 Ketten namens Einsamkeit, Sicherheit und Macht. Der Zauber war DIE LÜGE.

Und sie ging nochmals durch diese Stadt und das prächtige Schloss, und da überfiel sie eine tiefe Traurigkeit, denn sie konnte kaum glauben, dass all die Schönheit der Künste nur ein Trugbild war, eine Fata Morgana in der zauberflimmernden Luft. Sie begriff, dass sie selbst bereits vom Zauber ergriffen war und dass sie nahe daran gewesen war, DIE LÜGE zu GLAUBEN.

Kaum fand sie durch den Tränenschleier vor ihren Augen zum Stall, in dem sie ihre treue Begleiterin zurückgelassen hatte, kaum konnte sie sich in ihrem Leid auf deren Rücken schwingen. Doch schließlich hatten sie die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen und sie erblickte bewaldete Hügel vor sich und den Himmel darüber mit sich türmenden Wolken. Da wurde sie allmählich ruhiger und hörte auf, das Tier anzutreiben. Gegen Abend, als die Straße anzusteigen begann und der Waldrand erreicht war, machte sie Halt, entfachte ein Lagerfeuer und briet ein paar Pilze, die sie beim Holzsammeln gefunden hatte. Der Abendstern leuchtete am Himmel und sie saß ein wenig fröstelnd und hungrig am Feuer. Die Flammen spielten übermütig ihr rotgoldenes Fangen, sprangen sich an, flohen nach oben, hüpften hoch in die Luft, umarmten sich dann, um im selben Moment wieder loszulassen und sich auf die Nachbarin zu stürzen und mit ihr in den Nachthimmel zu schnellen.

"Feuer", sagte sie, "Feuer", und dabei fiel ihr eines jener Lieder ein, die sie in der Stadt gelernt hatte, und sie summte es vor sich hin:

Kein Feuer, keine Kohle
kann brennen so heiß,
als heimliche Liebe,
von der niemand nichts weiß.

Gerade überlegte sie noch, wie die zweite Strophe gelautet hatte, als sie ein feines Stimmchen hinter sich wispern hörte: "Na, wenns die Heimlichkeit ist, die es brennen macht, verzichte ich." Sie fuhr herum und da stand leise grinsend eine kleine, feingliedrige Gestalt mit wirren dünnen roten Haaren und glühenden Augen. Der Körper des Wesens war von goldenen, durchsichtig-scheinenden Tüchern verdeckt, die bei jeder Bewegung hochflatterten um sich langsam herabschwebend wieder an die Gestalt anzuschmiegen. "Dann verzichte ich gern", sagte das Wesen nocheinmal und zuckte mit den Schultern.

"Wer bist du?", fragte die zusammengekauerte Frau am Feuer erstaunt, "und worauf verzichtest du?"

"Feuer, hihi", kicherte das Wesen und hüpfte dabei, dass es nur so golden flatterte. "Hihi, Feuer ist die Antwort auf beide Fragen, hihi", hüpfte das Wesen.

"Du heißt Feuer? Und verzichtest darauf?", fragte noch erstaunter die Frau.

Das Wesen beruhigte sich langsam und sagte: "Jawohl, das heißt, ich meine, nicht ganz: ich heiße Faya, und wenn du die Heimlichkeit einer Liebe mehr liebst als die Liebe selbst, dann soll dir ruhig das Herz verbrennen, finde ich. Aber ich verzichte aufs ganze Feuer, wenn das das Brennen ausmacht." Faya kam noch drei Hüpfer näher und setzte sich neben die Frau ans Feuer. "Weißt du," sagte sie, "dieser Quatsch, dieser blöde Quatsch aus der verzauberten Stadt verbreitet sich überallhin. Und die Leute singen es nach und glauben es schließlich. Heimliche Liebe ....., dass ich nicht lache. Warum sollte eine Liebe heimlich sein um zu brennen? Wenn zwei sich lieben, dann brennt es, und wenn es nicht brennt, sollen sie’s bleiben lassen. Ein heimliches Brennen aber ist der größte blödeste Quatsch. Die Göttin hat das Feuer wahrlich nicht erfunden, damit die Menschen es verstecken... Nur weil ein paar so blöde Zahlenmagier glauben herausgefunden zu haben, dass 1+1 immer 2 macht! Lüge, die pure Lüge: manchmal machts auch drei oder vier oder hundert. Und manchmal machts ½ oder ¾. Und oft genug machts auch 0. Und das Feuer, weißt du, das macht sowieso, was es will. Das erleben sogar die in der Stadt. Aber sie wollens nicht wahrhaben, sie wollens nicht sehen, weil ihnen die blöde Magie das Hirn verkleistert.

Ab und zu lässt der Einfluss des Zaubers mal nach, niemand weiß warum, aber er lässt nach. Und dann kapieren manche, dass was falsch läuft, dass das alles nichts mehr mit Feuer zu tun hat, was sich da 1+1 zusammenrechnet. Und dann stürzen ein paar wieder mal einen Gott, den sie sich vorher zurechtgedacht hatten und schicken seine Priester in die Wüste. Aber nach einiger Zeit ist alles beim alten: die Priester tragen andere Talare, die Religionsgebote hören sich ein wenig anders an und die Tempel werden in einem anderen Stil erbaut. Aber der Quatsch bleibt der gleiche: 1+1=2 und was anderes gibt’s angeblich nicht, hats noch nie gegeben, das sei so die Natur der Menschen. Quatsch, Quatsch, Quatsch, blöder Quatsch. Oh Göttin, was musst du dir alles anlasten lassen, Quatsch: Natur!"

Faya redete sich so in Zorn, dass sie anscheinend nicht mehr still sitzen konnte und stattdessen fluchend umhersprang. Ihre Gewänder flatterten wild auf und nieder und sie hüpfte und tobte um das Feuer, bis sie schließlich mit einem letzten Satz mitten hineinsprang. Eine Stichflamme verpuffte zum Himmel und rundumher sprühte die Glut in die Nacht hinein. Die Frau am Feuer warf sich zu Boden, presste Augen und Mund fest zu und hielt die Arme über Kopf und Gesicht, um sich vor der Hitze zu schützen. Als das Fauchen und Zischen nachgelassen hatte, setzte sie sich langsam auf. Das Feuer war zusammengesunken und glühte nur noch ein wenig. Im Osten kündigte sich die Sonne mit einem blassen Rosa an und im Wald besangen die Vögel den neuen Tag. Sie schüttelte sich und rieb Arme und Beine, um die Kälte daraus zu vertreiben. Seltsam, was hatte sie gerade geträumt? 1+1 macht 4? Was für ein Quatsch! "Quatsch, Quatsch, blöder Quatsch...", klang es in ihr nach. Seltsam! Grübelnd trat sie die letzte Glut aus.

Das Tier war unruhig und scharrte im Kies. Ach ja, die Zeit in der Stadt und die Nacht mit Faya am Feuer, das war lange her. Nun aber stand sie hier oben auf dem Bergrücken, der Weg vor ihr gabelte sich und sie konnte sich nicht recht entscheiden, ob sie rechts oder links gehen sollte. Solche Entscheidungen fand sie immer sehr schwierig: Welche wusste, wohin die Wege sie führen würden? Welcher war der richtige? Gab es einen richtigen überhaupt? Ihr fiel eine Geschichte ein, das sie irgendwo einmal gehört hatte. Von einer Frau handelte es, die immer grübelte über den Einfluss, den ihre Entscheidungen auf die Welt ausübten und ob sie ihn steuern konnte. Sie hatte so lange an einem Strand gesessen und gegrübelt, bis ihr eine Piratin schließlich erklärt hatte, dass eine schon die Antwort hatte, wenn sie fragte, welche Entscheidung welche Auswirkungen habe: Dass es nämlich fraglich sei, und daher besser, sich einfach ins Leben zu wagen. Die Fragerin war dann selbst Piratin geworden und hatte sich in verschiedenste Abenteuer gestürzt.

Wo hatte sie die Erzählung nur gehört? War das nicht bei den kleinen Leuten gewesen? Sie hatte einige Zeit bei ihnen in ihren Erdlöchern gelebt. Immer nachts waren sie hinausgegangen in die Wälder und hatten Nahrung gesucht. Häufig hatten sie Feste gefeiert, bei denen sie Pilze rauchten und berauschende Getränke tranken, auf denen sie ekstatische Tänze tanzten. Was diese Leute allerdings nie taten, war: miteinander zu sprechen.

Sie hatten eine Sprache, doch. Aber die benutzten sie nur für die alltäglichen Dinge. Wo Nüsse zu finden seien, Beeren und andere Nahrung, teilten sie sich mit. Wo sich wer zu welchen Festen getroffen habe und wo das nächste Fest stattfinden sollte. Ansonsten sprachen sie nicht miteinander. Sie war weggegangen von den kleinen Leuten, als sie festgestellt hatte, dass die Selbstverständlichkeit, mit der sie sie aufgenommen hatten, nichts mit Freundlichkeit zu tun hatte. Dass diese Leute nicht nur nicht miteinander sprachen, sondern sich eigentlich überhaupt nicht beachteten. Manchmal sangen sie Lieder, die von einer errungenen Freiheit handelten, aber niemand dort war frei. Es gab sogar ein Verbot, mit Leuten zu sprechen, die sich zu zweit zusammengetan hatten und das waren die meisten. Diese zwei durften nur miteinander reden und selbst das taten sie nach kurzer Zeit nicht mehr. Nein, dort konnte sie das Märchen nicht gehört haben.

Ach ja, bei den Flussfrauen war es gewesen, bei diesen anmutigen Geschöpfen, die in den bewegten Gewässern lebten, die nur in Gruppen auftauchten, immer zu fünft, sechst oder siebt ihre Späße trieben mit Badenden oder Wanderern, die Wasser schöpfen wollten. Übermütige Wesen, die Glitter und Flitter und bunte Farben liebten, im Wasser tollten, dass es nur so spritzte, die sich andauernd umarmten, liebkosten, herzten und küssten, um sich gleich darauf in die Nase zu beißen oder ins Ohr zu kneifen und kichernd abtauchten, eine andere mit sich hinabziehend. Manchmal jedoch waren sie auch sehr ernsthaft, saßen beisammen am Ufer auf einem Stein, sich gegenseitig die langen grünen Haare flechtend, und fragten, wie die Welt sei und warum. Sprachen tage- und nächtelang über sich selbst, über die Menschen, die Lebewesen, die Göttinnen und Götter, über Sterne und Steine und fragten vor allem immer wieder: Warum? Dort hatte auch sie gelernt, zu fragen nach dem Wie und dem Warum, hatte gelernt, zu horchen nach außen und nach innen, auch wenn sie nie vollkommen geworden war in dieser Kunst, und dort hatte sie auch gelernt, dass das Warum wieder beendet werden muss und dass es Zeiten gibt fürs Fragen und Zeiten fürs Handeln. Und dort hatte sie schließlich auch jenes Märchen gehört von der Grüblerin, die erfährt, dass Piratinnen keine Antworten brauchen, sondern Abenteuer.

Hier aber stand sie nun vor der Weggabelung und wollte schon wieder eine Antwort auf die Frage, welcher der richtige Weg sei. Sie sah sich um und nahm erstmals ihre Umgebung wahr: Hinter ihr lag der Pfad, den sie durch den Wald mühsam heraufgestiegen war, immer nur ans Oben denkend um nicht mutlos sich mitten am Berg hinzusetzen ein für allemal. Rechts führte der Weg über den Bergrücken zwischen Felsen und einzelnstehenden verkrüppelten Bäumchen hindurch. Nicht weiter als hundert Meter konnte sie verfolgen, wie er sich schlängelte. Der linke Weg führte ziemlich steil hinab durch trocknes Gras, am Wald entlang ins Tal hinunter, wo grüne, saftige Wiesen winkten. Sie kletterte auf einen Felsen um besser sehen zu können und musste plötzlich geblendet die Augen schließen. Atemlos erkannte sie schließlich, dass gerade vor ihr, hinter dem Felsen, der Bergrücken sanft in eine flache Mulde abfiel. Dort lagen zwei tiefblaue, fast schwarze Bergseen, in deren Wasserflächen sich die Sonnenstrahlen brachen. Sie blickte hinab in das glitzernde Blau inmitten dieser steinernen Landschaft und einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Dann musste sie hell auflachen: Solche Schönheit hatte sie mit ihrem Grübeln, mit ihrem Fragen nach dem richtigen Weg fast übersehen. "Quatsch, Quatsch, blöder Quatsch", kicherte sie, sprang vom Felsen und sagte zu ihrer vierbeinigen Begleiterin: "Komm Süße, wir gehen baden."





© Stefanie Zachmeier. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne schriftliche Zustimmung unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, übersetzung, Mikroverfilmungen und die digitale Speicherung und Verarbeitung.


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